Marco 31.05.1989

Marco 31.05.1989

Dokumentation meiner Arbeit „Marco 31.05.1989“ im Rahmen der Ausstellung Anti-Tattoo im April 2014 im Interim Kassel.

Wo sonst die Prämisse in der organisierten Fußballkultur ist, dass alles ein gesamtheitliches Bild aufwerfen soll – von den durchnummerierten Spielern mit einem von gefühlt vier vorgegebenen Frisuren über einheitliche, lizensierte Fanatikel bis hin zum DFB-Pokal, der von VW präsentiert wird und weswegen bei jedem DFB-Pokalspiel die Spieler eine VW-Plakette auf dem Ärmel ihres Trikots tragen müssen (glatt gebügelt und rein geprügelt…) –, sprengt ein tätowierter Unterarm stärker jedes Raster als ein Fußballer-Iro.

Doch was bedeutet in diesem Kontext, sich nicht bloß „Dortmund“, ein religiöses Symbol oder „Blut und Ehre“ in den Körper stechen zu lassen, sondern seinen Vornamen mit Geburtsdatum? Da Marco Reus nach Rückmeldung seines Managements keine Zeit hatte, mir meine Fragen nach diesem Tattoo persönlich zu beantworten, fing ich an, mir mit dem Internet, Fach- und Sekundärliteratur eigene Antworten zu suchen.

Wie steht das Tattoo im Verhältnis zum Trikot? Wie steht der Olde Englishe Schriftzug zum Duktus von Marco Reus‘ Autogramm? Warum ist das Tattoo auf dem linken Unterarm und nicht auf der rechten Wade? Was bedeutet im Profi-Fußball das Geburtsdatum? Ist es das Mindesthaltbarkeitsdatum des Fußball-Spielers? Sehen Sponsoren und Werbepartner im Tattoo eine Konkurrenz zu den eigenen Marken? Wie hilft das Tattoo gegen die Allgegenwärtigkeit von Logos und Wappen? Wie bildet sich eine Persönlichkeit zwischen den beiden im Fußball so wichtigen Polen Kommerz und Traditionen? Wie sollen Fans auf das Tattoo reagieren? Und was sagt das Tattoo schlussendlich über Marco Reus‘ als Menschen aus?

Durch das Verfolgen dieser Fragen kam ich zu meiner finalen These: Marco Reus tägt sein Tattoo als Werkzeug zum Self-Empowerment, zur Persönlichkeitsbildung und -stärkung gegen die Standardisierung durch Trikots, Rückennummern, Regularien und Verpflichtungen gegenüber Werbepartnern. Das Tattoo ist ein Zeichen von Marco Reus‘ Individualitätssinn, der ihm hilft, den ganzen Rummel über das eigentliche Spiel hinaus, den Kult um seine Person und seinen Verein Borussia Dortmund, um seine Verträge und um – vermeintlich vergängliche – Erfolge durchzustehen und als eigenständige Persönlichkeit zu leben.